Tanzen am popkulturellen Rand – Christian Löffler & Ensemble in der Volksbühne Berlin (Review)

Kontemplativer House, wie der Spiegel schreibt, oder Techno-Romantik, der Intro nach – egal. Kommt auf’s Gleiche raus. Zu Christian Löffler lässt sich auf roten Plüsch-Theatersesseln sitzen (auch wenn die niegelnagelneuen in der Volksbühne noch nicht so richtig gut eingesessen sind) oder ebenso gut tanzen. Wer Samstagabend von oben in den großen Saal der Volksbühne blickte, dem bot sich dann auch genau dieses Bild – und nein, es ist kein politisches: Links und rechts an den Rändern wurde mit Bier in den Händen getanzt, auf den Sesseln im Zentrum dagegen saß man. Auf der Bühne: Ein großer Tisch mit allem, was ihn zu einem DJ-Pult avancieren lässt, links davon ein kleiner Tisch mit Laptop, ganz links am Rand ein wuchtiger Flügel und rechts neben Löfflers Pult ein kleiner Stuhlkreis, in dem kurz nach Beginn vier Streicher und Streicherinnen Platz nehmen.

In Löfflers Erscheinung verbinden sich die Leidenschaft fürs weiche Insichgekehrte und den stolzen Rhythmus. Als die Sängerin Mohna dazu kommt, mit der Löffler einige Songs seines jüngsten, 2016 bei seinem Label Ki Records erschienen Albums Mare, aufgenommen hat, bekommt diese ohnehin schon abendtragende Dualität ein Drittes hinzu. Zusammen lassen die beiden ihr Publikum durch dunkel-rauschende Wälder und luftig-leise Höhen reisen. Die Visuals (die Stichworte hier sind Traumfänger, verlassenes Haus und Radtour durch den Wald) und das aufwändige Licht reißen einen daraus aber früh genug immer wieder hinaus, denn die Gleichung träumerisch plus träumerisch ergibt leider immer noch: kitschig.

So fragt man sich dann auch, ob es nicht schöner gewesen wäre, hätte man dem Pianisten und den StreicherInnen einen Abend frei gegeben, um zu zweit mehr zum Improvisieren und Aufeinander-Eingehen und Zuhören zu kommen? Nicht selten warten sie allzu lang auf den nächsten Einsatz und so fragt man sich dann schon, ob der Flügel und die Sitzgruppe dort nicht nur stehen, um die Bühne mit mehr als Laptops und Kabeln zu füllen und den Abend auf der großen Volksbühne als solchen anschaulich zu legitimieren.

Ganz so wild ist es dann aber doch auch nicht. Und um den Bogen wieder zu kriegen, muss man zugeben, dass die Kritik dann doch eher als formale Auseinandersetzung mit der Frage nach der Aufführbarkeit von neuen Genres gelesen werden sollte. Und vielleicht auch als Aufforderung an eine neue Generation von MusikerInnen, die sich irgendwo zwischen Club und Bühne, Klavier und Laptop, Saiten und Kabeln bewegen – neue Formen zu finden oder alte aufzusprengen, statt sich selbst in überkommene Aufführungsformen hinein zu quetschen. Und vielleicht ist es eben auch so, dass besonders gute Musik eben gerade kein Hintergrundrauschen braucht. Weil sie für sich spricht, so wie an diesem Abend in der Volksbühne auch. Und so hat Christian Löffler es am Ende doch noch geschafft, den ganzen Saal, inklusive dem hartnäckigen Zentrum, von den Polstersessel-Konventionen zu befreien und zum befreiten Tanzen zu bringen.

(Foto: Christian Löffler © Pernille Sandberg)

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